Ottersberg - Nach dem Hilferuf verzweifelter Lehrer der Berliner Rütli-Hauptschule bietet ein Sport- und Meditationslehrer aus Niedersachsen seine Unterstützung an. Er kennt den Umgang mit gewaltbereiten Menschen gut. Mitte der 80er Jahre hat er schon „schweren Jungs“ in der Justizvollzugsanstalt Lingen Meditation beigebracht, mit Erfolg wie ihm die Anstaltsleitung attestierte.
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„Es gibt verschiedene Faktoren, die zur Gewaltbereitschaft beitragen“, sagt Michael Dreyer. Daher begrüßt er die gegenwärtige Diskussion und das Ringen um Lösungsstrategien. Statt auf eine Patentlösung zu setzen schlägt er einen ausgewogenen Mix vor.
Ein Faktor, chronischer und akuter Stress, wurde seiner Meinung nach bislang allerdings zu wenig beachtet. Stress führe zu einem neurophysiologischen Ungleichgewicht, angezeigt durch erhöhte Stresshormone wie Adrenalin und Kortisol, ein unterdrückter Stoffwechsel des „Glücksbotenstoffes“ Seretonin, sowie einer niedrigen EEG Kohärenz im Gehirn.
Integration beginnt somit für Dreyer zuerst im Kopf. Das gleiche gelte für die viel zitierte Chancengleichheit. Erst wenn alle Schüler über eine nahezu optimale Funktion ihrer „Neuronenhardware“ verfügen, sind die neurophysiologischen Voraussetzungen für eine Chancengleichheit erst gegeben. „Versuchen sie das aktuellste Betriebssystem und die aktuellste Software auf einem Rechner mit schwacher Hardwarekonfiguration und wackelnden Kontakten zu benutzen, sie werden ständig Systemabstürze erleben und das Arbeiten wird zum Kampf mit der Sanduhr“, berichtet Dreyer.
Vor dem Hintergrund moderner Bild gebender Verfahren (SPECT) spricht man wissenschaftlich von so genannten Gehirnläsionen – funktionalen Löcher im Gehirn, besonders in den entscheidenden Bereichen, die normalerweise einen effektiven Filter gegen impulsives, aggressives und gewalttätiges Verhalten liefern.
Mit der Zeit führt dieses biochemische und elektrische Ungleichgewicht zu einer akuten und chronischen Gehirn Fehlsteuerung mit den bekannten Folgen antisozialem und gewaltbereitem Verhalten.
Vorbild für gelungene Integration inklusive Gruppenmeditation ist für Dreyer die Cida Hochschule in Johannesburg. Voraussetzung für eine Zulassung ist dort nicht nur, dass die Möchtegernstudenten zu arm für normale Universitäten sind, sie sollen sich auch an der „Umformung der südafrikanischen Gesellschaft“ beteiligen wollen.
Die schulischen Leistungen der vernachlässigten Jugendlichen ließen sich schon nach kurzer Zeit durch „Transzendentale Meditation“ um „ 20 bis 40 Prozent“ steigern.
Für Dreyer ist Meditieren allerdings kein Dogma, sondern Mittel zum Zweck. Deshalb setzt er auch auf die so genannte „Freie“ Transzendentale Meditation, unabhängig von Organisation, Verein und Ideologie: „Es gibt nur eine Philosophie, und die heißt: Alles ist erlaubt, was funktioniert und einer wissenschaftlichen Verifizierung standhält“, begründet Dreyer seinen eher unkonventionellen Ansatz. Dass es funktioniert, steht außer Frage: Alkohol- und Drogen-Probleme, mit denen andere Bildungseinrichtungen ständig zu kämpfen hätten, gebe es auf dem City Campus nicht. „Die Meditations-Idee ist brillant“, schwärmt sogar Südafrikas Wirtschaftskammer- und DaimlerChrysler-Chef Christoph Köpke, der „noch nie zuvor so offene südafrikanische Jugendliche wie bei Cida“ gesehen hat.
Plötzlich, exakt um 8:30 Uhr, wird es mucksmäuschen still auf den Etagen. Die 1600 Youngster haben alle Platz genommen und atmen auf eine über Lautsprecher übertragene Aufforderung durch das rechte Nasenloch ein und durch das linke wieder aus. Mit geschlossenen Augen wiederholen sie dann lautlos ein ums andere Mal ihr Mantra – und tauchen für 25 Minuten in eine andere Welt ein.
Jeden Morgen vor der ersten Vorlesung und nachmittags um drei Uhr wird im Cida City Campus meditiert.
Ein weiteres Beispiel für Dreyers Angebot ist die Fletcher-Johnson School in Southeast Washington, D.C.. Der damalige Direktor, Dr. George Rutherford, hatte dort ebenfalls die TM-Meditation an seiner Schule eingeführt. Er konnte an sich selbst eine Zunahme an Energie, Toleranz, weniger Stress und klarerem Denken beobachten, so dass er mit den Jugendlichen besser reden und mehr Verständnis zeigen konnte, für ihre Probleme, die häufig darin bestanden, den Stress abzubauen, den sie jeden Tag erlebten durch das Geräusch von Gewehrschüssen in der Nacht und dem Anblick von Tötungsdelikten innerhalb ihrer Familie oder unter Freunden.
Die Meditation stellte für die Jugendlichen eine Hilfe dar, das Packet zu beseitigen, das sie morgens mit in die Schule brachten, um jeden Moment zum Kampf aufzuspringen, wenn jemand sie nur berührte.
„Give meditation for peace a chance“, sagt Dreyer, angelehnt an das berühmte John Lenon Zitat.
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