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Zu kleine Tore im deutschen Fussball: Präzedenzfall mit Skandalcharakter
03. September 2007 13:05 Uhr | net-tribune




Berlin / Köln / Duisburg - (Vorabmeldung von net-tribune / Abdruck frei) - Zu kleine Plätze, falsche Markierungen, kaputte Tornetze - all das hat es im deutschen Fussball schon gegeben. Nun sorgt ausgerechnet ein Vertreter der "vierten Liga" für ein Novum. Beim Oberligisten Germania Dattenfeld waren bis vor kurzem noch die Tore zu klein. Am dritten Spieltag der Oberliga Nordrhein war dem in Dattenfeld gastierenden SV Straelen das aufgefallen, was selbst der DFB als noch nicht da gewesenen Sachverhalt bezeichnet.

Die Tatsache, dass sich SV-Torhüter Marian Nbur der Querlatte in Dattenfeld besonders nahe gefühlt hatte, machte Straelen misstrauisch. Die Gäste nahmen noch vor dem Spiel Maß. Und in der Tat: Die Tore der Hausherren waren viel zu niedrig. Statt der vorgeschriebenen 2,44 m betrug die "Lattenhöhe" an den Pfosten lediglich 2,30 m und in der Mitte sogar nur 2,27 m, wie die am Mittwoch anberaumte WFV-Spruchkammersitzung laut ihrem Vorsitzenden Wilhelm Stelkens feststellte.
 
 
Umstrittenes Urteil der Spruchkammer

Der SV Straelen hatte nach seinem Überraschungsfund jedenfalls alles richtig gemacht und noch vor Spielbeginn Protest beim Schiedsrichter eingereicht. Letzterer sah, nach dem er sich von dem Zustand beider Tore überzeugt hatte, allerdings keinen Grund, die Partie nicht anzupfeifen. "Eine korrekte Entscheidung", wie Stelkens im Gespräch mit dem Nachrichtendienst net-tribune (www.net-tribune.de) bestätigte. Allerdings hätte der Unparteiische dem Platzverein eine angemessene Frist zur Beseitigung der Mängel einräumen müssen. Dies unterließ er jedoch.

An diesen Umstand klammerte sich Germania Dattenfeld in der Spruchkammersitzung. Die Germanen waren in weiser Vorausschau mit ihrem Rechtsanwalt in Duisburg angetreten. Immerhin dreht sich das Verfahren schließlich um eines der wichtigsten Instrumente im Fussballsport. Umso erstaunlicher daher das Urteil: Die Spruchkammer befand, dass keine der beiden Mannschaften durch die kleinen Tore im Germania Sportpark benachteiligt wurde.

Zweifelsohne ein Schlag ins Gesicht für alle Fussballvereine, die hierzulande schon aufgrund ihrer Platzgröße, fehlender Spielerpässe oder kaputter Tornetze mit Geldstrafen und Punktabzügen bedacht wurden. Die ansonsten allseits gepriesene und hoch gelobte Sorgfaltspflicht der Vereine, die auch in den DFB-Statuten einen hohen Stellenwert genießt, scheint bei zu kleinen Toren wohl keine Geltung zu haben. Mal ganz abgesehen von den DFB-Vorgaben für Tormaße.
 
 
Oberliga-Aufstieg mit nicht regelkonformen Toren?

Dabei besteht laut Stelkens sogar der Verdacht, dass die Tore in Dattenfeld schon seit geraumer Zeit viel zu niedrig - sprich: nicht regelkonform - sind. Die Dattenfelder können sich die Abweichungen bei der Torhöhe jedenfalls nicht erklären. So wird offenbar vermutet, dass jahrelange Bewegungen im Erdreich für ein Absacken der Gehäuse verantwortlich sind. Dass dies auf beiden Seiten des Platzes nahezu identisch geschehen sein soll, grenzt zwar an ein geologisches Meisterwerk. Viel verwunderlicher ist da aber schon die Tatsache, dass ein Oberliga-Verein, der sich seit unzähligen Monaten mit der Planung eines Kunstrasenplatzes beschäftigt, angeblich nichts von seinen Tormaßen gewusst haben will.

Auch wenn sich die Spruchkammer für die Urteilsfindung in dem laut DFB einzigartigen Fall viel Zeit genommen hat, kann das Ergebnis wohl nur wenig überzeugen. Im Zeitalter, in dem der DFB das Doping als neuen Hauptfeind ausgemacht hat, scheint es im deutschen Fussball offenbar noch gravierende Mängel bei der Durchsetzung selbst einfachster Regularien zu geben. Denn ein Regelverstoß, der möglicherweise schon seit Jahren besteht, wurde nicht geahndet. Besonders pikant: Germania Dattenfeld hat mit besagten Toren in der vergangenen Saison sogar den Aufstieg vollbracht.
 
 
Auch Hockeytore sind niedriger als 2,44 m
 
Vielleicht hat sich die Duisburger Spruchkammer mit ihrem Urteil auch nur schwer getan, weil ein Präzedenzfall fehlt. Diesen in aller Konsequenz zu schaffen, haben sich die Mitglieder der Spruchkammer offensichtlich verwehrt. Sie sind den Weg des geringsten Widerstandes gegangen. Die Folgen, sofern das Urteil in Kraft tritt, können weitreichend sein: Überspitzt formuliert, könnte - folgt man der Argumentation der Spruchkammer  - in der "vierten" sowie in höheren Ligen auch auf Hockeytore gespielt werden. Einzige Voraussetzung: Der Schiedsrichter pfeift die Partie an und vergisst dem Platzverein angemessene Fristen zur Mängelbeseitigung zu setzen. Das Torschusstraining könnten sich die deutschen Vereine für die Zukunft dann zumindest sparen. Es würde auch nur wenig Sinn machen, wenn die Tore auf jedem Platz unterschiedlich groß sein können.

Nun liegt es in der Hand des SV Straelen, die Flagge der Fairness im deutschen Fussballsport - zu der zweifelsohne das Einhalten von in den Spielordnungen und Statuten festgelegten Rahmenbedingungen und Regeln zählt - hoch zu halten und klare Verhältnisse zu schaffen. Der Verein kann noch bis Ende dieser Woche Einspruch gegen die jüngste Entscheidung einlegen. Geschieht dies nicht, muss sich die Fussballwelt möglicherweise weitere Jahrzehnte gedulden, bis in Sachen Torhöhe ein wirklicher Präzedenzfall geschaffen wird, der auch die Verhältnismäßigkeit dieses speziellen Regelverstoßes zu den alltäglichen Regelverstößen, die unlängst munter geahndet werden, berücksichtigt.

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