05. September 2007 15:40 Uhr | Kulturinitiative Begegnungsraum e.V.
all over the world - within myself
Kassel - Betritt man das alte Polizeipräsidium in Kassel - Königstor 31 -, das vor genau 100 Jahren vom deutschen Kaiser feierlich eingeweiht wurde, spürt man Beklemmung. Das Gebäude mit seinem neobarocken Treppenaufgang wirkt auf den ersten Blick großzügig und bedrohlich zugleich. Das Auge richtet sich beim Aufgang in den ersten Stock unweigerlich über einen Innenhof auf einen Trakt mit winzigen vergitterten Zellenfenstern. Zeitzeugen erinnern sich ungern an die Schreie, die in der NS-Zeit nach außen drangen. Für einige Zeit hatte die Gestapo hier ihren Sitz.
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Im Juli und August 2007 stand das Gebäude im Zeichen seiner Verwandlung. 292 Kinder und Jugendliche aus 16 Ländern weltweit hauchten den hohen Räumen mit den Stuckdecken mit der internationalen Ausstellung einen Zauber ein.
Die Ausstellung, die vom 28. Juli bis zum 2. September 2007 stattfand, trug den Titel „all over the world – within myself“. Ihre eigenen Lebenswelten, die oft selbst bedrohlich und grausam sind, haben die Kinder und Jugendlichen dokumentiert, doch mehr noch: sie haben das Erlebte, die täglichen Erfahrungen künstlerisch verwandelt und sind zum Gestalter eigener Gegenwelten geworden.
Die Ausstellung, die in fünf Wochen 1853 Besucher aus aller Welt anzog, erlebte in den letzten beiden Wochen einen Ansturm jugendlicher Besucher.
Bei der Betrachtung der Kunstwerke eröffneten sich interessante Fragestellungen und es entwickelten sich anregende Diskussionen.
Ein Fotoprojekt aus Israel, dem Friedenszentrum Givat Haviva, bot Anlass zu Fragen nach dem „Warum“ der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und Palästina. Auf den Fotos sind junge Israelis und Palästinenser in Eintracht und Fröhlichkeit zu sehen. Allein die Kleidung unterscheidet sie. Die jugendlichen Betrachter wollten nicht verstehen, warum zwischen Menschen, die sich doch äußerlich so ähnlich sind, Krieg existiert. Bei den palästinensischen Bildern der Schule Thalita Kumi verwunderte, dass die Bilder trotz Krieg, Mauer und Soldaten so farbenprächtig sind. Keiner der jungen Besucher konnte sich vorstellen, wie man unter ständiger Bedrohung durch Krieg und mit der immer die Sicht einschränkenden Mauer leben kann. Die Bilder hinterließen einen tiefen Eindruck.
Spannend wurde es dort, wo die iranischen Bilder der Schulen Matisa Kazaruni, Sarzamin-e Baran, Art Institute Lotus, Keyvan Askari und von Negar Najibi ausgestellt waren. Vorurteile und das Fantasieren über die Bildinhalte erfüllten den Raum. „Atombombe, Dschihad und Kopftuch“ wurden mit dem Iran assoziiert. Waren die Informationen zunächst negativ geprägt, so erstaunten die Bilder bei näherer Betrachtung. Besonders die Porträts der jungen Iraner aus der Schule Matisa Kazaruni, die in sehr expressiver Malweise die Gefühle der Kinder und Jugendlichen zum Ausdruck bringen, weckten das Interesse an den anderen. Im Fremden wurde das Vertraute entdeckt und es wurde bedauert, dass man nicht mit den Produzenten ins Gespräch kommen kann. Gern wollten die Jugendlichen wissen, was Mina oder Mohammed fühlten und dachten als sie die Bilder malten.
Auch die feinen Zeichnungen der Malpi-Schule aus Nepal mit Inhalten wie Geburt und Tod von Ojes, Krieg und alten Bräuchen wie Witwenverbrennung, gruben sich tief in die Gedanken und Gefühle der jungen Betrachter ein. Unverständnis paarte sich mit Verstehenwollen und dem Bedürfnis nach Begegnung und Austausch.
Die Gemälde aus der Favela Monte Azul in Sao Paulo, die durch ihre Ästhetik bestechen, standen ebenso im Zentrum der Aufmerksamkeit und lösten Fragen aus, wie denn Kinder und Jugendliche aus den Armenvierteln so schön malen können, obwohl man doch immer nur Berichte über Kinderkriminalität höre.
Aber auch alle anderen ausgestellten Werke zogen die jugendlichen Besucher in Bann. Alltägliche Dinge wie in Kunstwerke verwandelte Spraydosen aus Burkina Faso faszinierten die Jugendlichen ebenso wie die Batikarbeiten mit Erdfarben aus dem Zentrum Cite des Arts in Koudougou.
Vor den finnischen Gemälden aus den Kunstschulen Hyvinkää, Rovaniemi und der Schule in Kajaani verharrten die Besucher ehrfürchtig, denn hier zeigten sich beinahe malerische Meisterwerke. Die litauischen Werke und Graphiken von Dailes Mokykla aus Silute, die sehr experimentell sind und den Umgang mit verschiedenen Materialien präsentieren, regten zum eigenen künstlerischen Tun an. Mit einer Gruppe von jugendlichen Besuchern schloss sich ein workshop an, für den man die Inspirationen durch die litauischen Arbeiten nutzte.
Die niederländischen Collagen aus der Vrije School Mareland, die sich durch ihren Ideenreichtum deutlich von den gemeinhin bekannten Schulcollagen unterscheiden, weckten die Neugier, in dem Formenreichtum immer wieder neue Motive zu entdecken.
Der Raum mit den farbenprächtigen Bildern der Sapunal Foundation aus Sri Lanka glich einer schönen Südseeinsel, auf der man sich gern von den manchmal anstrengenden und tief berührenden Bildern in den anderen Räumen erholte. Peter Emanthi mit seinen „Village Girls“ und die Tänzerinnen von Chaitri Jayasooriya wirkten hier ausgleichend.
Die Bilder von vier- bis sechsjährigen Kindern aus Spanien, Russland und Deutschland lösten Bewunderungsbekundungen über die Malkünste von solch kleinen Kindern aus. Als herausragendes Beispiel wurden hier die Bilder der fünfjährigen Marianne aus Melsungen erwähnt, die eine eigenwillige Interpretation der Grimm´schen Märchen gemalt hat. Doch auch die luftigen und leichten Gemälde von fünf- und sechsjährigen Kindern der Academia Aurea aus Figueres in Spanien lenkten die Aufmerksamkeit auf sich.
Das Bild von Alejandro Goldstein aus Lima in Peru ließ darüber rätseln, warum dieser nur die Fußsohlen gemalt hat. An den Werken des Musee Dessal aus Dreux in Frankreich fiel die Vielfalt der verwendeten Materialien und deren künstlerisch gekonnter Einsatz auf.
Die Bilder der Ausstellung waren nicht in einem Thema präsentiert, doch wurde besonders bei der Betrachtung durch die jugendlichen Besucher deutlich, dass der Anspruch des Titels „all over the world – within myself“ sich erfüllte, im anderen das Eigene zu finden, im Fremden das Vertraute zu entdecken und sich selbst als Gestalter zu betätigen. Das Zitat von Antoni Tapies, „Ein Bild ist nichts. Es ist nur eine Tür, die zu einer anderen Tür führt. Nie werden wir die Wahrheit, die wir suchen, in einem Bild finden, sie wird erst hinter der letzten Tür erscheinen, die der Betrachter mit eigener Anstrengung aufstößt.“, das im Vorfeld der Ausstellung zur Positionsfindung diente, wird diesen Prozeß auch weiterhin begleiten.
Vielfach wurde der Wunsch geäußert, die Ausstellung auch noch an anderen Orten zu zeigen. Die ersten Gespräche laufen schon. Ebenso wird ein Katalog der Ausstellung erarbeitet.
Folgende Länder und Kunstschulen und Projekte nahmen an der Ausstellung teil:
Finnland - Verband der finnischen Kunstschulen - Kunstschulen aus Hyvinkää, Kajaani, Rovaniemi; Litauen - Dailes Mokykla; Russland - Kunstschule Semibratowo; Niederlande -Vrije School Mareland; Spanien - Academia Aurea in Figueres; Brasilien - Favela Monte Azul in Sao Paulo; Burkina Faso - Cite des Arts in Koudougou; Palästina - Thalita Kumi in Beit Jala/Jerusalem; Iran: Sohrab Mahdavy von tehranavenue.com und Jinoos Taghizadeh – Schüler von Matisa Kazaruni, Schüler von Negar Najibi, Sarzamin-e Baran, Art Institute Lotus, Schüler von Keyvan Askari, Teheran; Metropolis-Film, Frankfurt in Zusammenarbeit mit dem Theater Marienbad in Freiburg und Isfahan; Nepal - Malpi International School in Kathmandu; Sri Lanka - Sapunal Foundation in Colombo; Deutschland – ARTISTIEN in Melsungen, Deutschland – Farbton in Dresden; Kunstwerkstatt in Kassel; Frankreich - Musee Marcel Dessal in Dreux; Argentinien – „By Right and Fact“ Posadas-Misiones; Peru - Colegio Waldorf in Lima; Israel - Givat Haviva – Kunstzentrum
Die Ausstellung "all over the world - within myself" wurde unterstützt vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst – dem Landkreis Schwalm – Eder, der e.on, der Museumslandschaft Hessen- Kassel und der VR Bank Schwalm-Eder.
auf Wunsch mailen wir Ihnen unsere gesamten Pressemitteilungen und Bilder ca. 5 MB in pdf zu.
Presse-Kontakt:
Kulturinitiative Begegnungsraum
Ansprechpartner Rudolf Nerl
Anschrift / Tel / Fax / E-Mail etc
05661-3615 verein@begegnungsraum.com
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