Hinsdorf - Jedes Mal, wenn das Jahresende näher rückt und der Mond der Erde sehr nahe ist, beginnt für viele Menschen eine besinnliche und schwermütige Zeit. Man blickt zurück in längst vergangene Zeiten und schwelgt gedanklich in guten und schlechten Erinnerungen. So erging es mir, ausgelöst durch den Mauerfall und den Arbeitsplatzverlusten. Aus den »kleinen Miesepeter-Sümpfen«, in denen meine Stimmung schwankte, bin ich stets wieder herausgekommen. Doch im Jahr 2004 war das anders. Wochenlang vergass ich die bittersten Tränen, die urplötzlich bei Musikstücken, Filmszenen oder aus heiterem Himmel ohne einen erkennbaren Grund hervor schossen. Mein Selbstbewusstsein war meist auf dem Nullpunkt und meine Familie musste unter meinen Launen leiden.
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Neben diesen launischen Seiten gab es aber auch kreative Phasen, in denen neue Projekte entstanden. Die Mondzeit, so nenne ich die Wintermonate, wurde für mich die Zeit des Nachdenkens und Schreibens. Ich schrieb nieder, was mich bewegte, störte und was sich in meinem Leben ändern könnte. Kurzum: Am Jahresende 2004 zog ich das erste Mal die Bilanz meines Lebens. Ich erinnerte mich an die schönen Ereignisse, an meine unbeschwerte Kindheit, die Schule, die Lehre, die ersten Arbeitsjahre und die Liebe, aus denen zwei fast erwachsene Kinder hervorgegangen sind. Das Jahr 1989 wurde zur Zeitenwende meines Ichs. Mein Leben war fortan geprägt von Zukunftsängsten. Es wurde durch Arbeitslosigkeit und andere Schicksalsschläge von Narben befleckt. Und dies hat mich verändert, sogar sehr verändert.
Mein Herz, genau genommen aber meine Seele, hatte einen schweren Schaden erlitten. Diesen spürte ich auf besonderer Art nun jeden Tag, denn ich wurde gesellschaftlich nicht mehr gebraucht und stand abseits der Gemeinschaft. Aus einer beruflich engagierten, rundum zufriedenen und glücklichen Frau wurde ein launisches Wesen, das fortan auf Gelder des Staates angewiesen war. Meine kleine Unabhängigkeit wurde mir mit der Wiedervereinigung Deutschlands genommen. In die »Leibeigenschaft des neuen Staates« reihte ich mich nur widerwillig ein.
Mir wurde schließlich bewusst, dass ich in einer vorzeitigen Lebensmittekrise, einer Midlife-Crisis, steckte. Ein Psychiater oder sonstiger Fachberater kam für mich nicht in Frage. Die Ursache konnte ohnehin nicht behoben werden: Was mir fehlte war der Sinn des Lebens. Und dieser bestand in einer sinnvollen Beschäftigung, denn so wurde ich erzogen, so ist es Brauch. Mein eigenes Geld wollte ich weiterhin verdienen und nicht nur gut genug für Heim und Herd sein. Doch Arbeit gab es hier im Osten für die Enddreißiger wie auch für andere Altersgruppen viel zu wenig. Junge, gesunde und zudem gut aussehende Menschen mit möglichst vielen Jahren an Berufserfahrung waren gefragt. Da konnte ich nicht lange mithalten, ich wurde im November 2000 wieder »aussortiert«, d. h. arbeitslos. Zudem war ich zu heimatverbunden, um mit meiner Familie fortzuziehen. Der Kredit aufs Haus, fast aufgebrauchte Ersparnisse, gesundheitliche Beeinträchtigungen, der Familien-, Bekannten- und Freundeskreis waren weitere Gründe, die geliebte Heimat nicht zu verlassen.
An einem »seidenen Faden«, dem ostüblich niedrig entlohnten Arbeitsverhältnis meines Mannes, hing unsere ganze Existenz zuzüglich der staatlichen Mittel, die vorn und hinten nicht reichten. Ich begann mich zu hassen und sah in mir die Schuld allen Übels. Ich hatte den Boden unter den Füssen verloren und suchte einen Weg aus der Misere heraus. Verschiedene Bemühungen um eine neue Arbeitsstelle waren vergebens oder nicht von langer Dauer. Im Juni 2001 traf ich schliesslich den Mann, der mir zu meiner vorerst nebenberuflichen Selbständigkeit verhalf. Eigentlich sollte es ja eine Partnerschaft werden. Doch von heute auf morgen bringt man seinen Namen und Privatbesitz nicht in eine GbR ein, sagte mir mein Verstand. Es war einer von diesen windigen Geschäftsleuten, die vorwiegend aus Westdeutschland kamen und die eingegliederte Ostzone systematisch mit staatlichen Fördermitteln »wieder aufbauten«, indem sie ihren Absatz festigten, die Konkurrenz ausschalteten bzw. übernahmen und so manchen gutgläubigen Neu-Bundesbürger in den Ruin trieben.
Einerseits wäre ich gern in einer anderen Zeit geboren, um diesen Verfall meines Heimatlandes nicht mit ansehen und erleben zu müssen. Anderseits wurden Fünkchen von Ehrgeiz und Willensstärke entfacht, die eine Chance zur Besserung der eigenen Lebenssituation bedeuteten. So stand ich ab Juni 2001, genau genommen ab dem 8. Juni, auf recht »wackligen Füssen« und versuchte mein Glück als ALH-Empfängerin mit einer nebenberuflichen Selbständigkeit und als Zeitarbeiterin. Was hatte ich schon zu verlieren?
Mein vorzeitig, durch besondere gesellschaftliche und familiäre Umstände hervorgerufener zweiter Lebensabschnitt begann ohne Kapital und mit wenigem Besitz. All meine Kraft und Hoffnung investierte ich fortan in meine neue Zukunft. Mein Hauptberuf »Arbeitssuchende« begann ich zu verdrängen und steigerte mich in meinen Traum einer neuen kleinen Unabhängigkeit, einer selbständigen Vollexistenz, hinein. Dass man hochwertige Produkte nicht auf Flohmärkten verkaufen sollte, lernte ich recht schnell. Als Ostina wurde ich daher im Internet mit Hobbybedarf und als Kleinverlag »sesshaft«, da ich das Kapital für ein Geschäft nicht aufbringen konnte und mich auch nicht weiter verschulden wollte. Mit eigenen Mitteln sollte meine Firma wachsen und das ist mir auch einerseits gelungen.
Wären all die Abgaben und Belastungen geringer, würde man aufhören, das deutsche Volk »ausbluten zu lassen«, wäre ich zufrieden. Wie so viele Neumittelständler kämpfe ich weiterhin ums Überleben in der Hoffnung auf eine Wende, die endlich den ersehnten und versprochenen wirtschaftlichen Aufschwung herbeiführt, Arbeits- und Ausbildungsplätze schafft. Es ist an der Zeit, Menschen gleichermassen zu behandeln. Wir sind leider noch lange kein gemeinsames Volk. Wir schreiben das Jahr 2006 und es gibt immer noch gravierende Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland nicht nur hinsichtlich des Lohnes.
Als Bürgerin der vereinnahmten DDR fühle ich mich minderwertig, betrogen und benutzt. Die Vergangenheit meines Landes wird entweder schlecht geredet oder man macht sich lustig über sie. Die DDR ist aber ein Teil von mir: 22 Jahre war ich glücklicher, zufriedener, ausgeglichener als heute. Der Mauerfall und die daraufhin folgende friedliche Wiedervereinigung Deutschlands sind in meinen Augen notwendig gewordene, wirtschaftliche Schachzüge, die eine weitere Ostausweitung des westlichen Wirtschaftsraumes erst ermöglichten. Die Bevölkerung wurde beim Untergang des sozialistischen Staates nicht gefragt sondern einfach in einen kapitalistischen Staat eingegliedert. Dass das Probleme schafft, war vorprogrammiert. Der Verlierer ist eindeutig Ostdeutschland: Es entpuppt sich zunehmend als Siedlungskolonie und Absatzgebiet. Zunehmende Verarmung, Abwanderung, Resignation und Gewaltbereitschaft der Bevölkerung sprechen für sich.
Vierzig Jahre sind eine sehr lange Zeit, die ein Volk und sämtliche Familien entzweit haben. Von Gleichheit der Menschen kann leider keine Rede sein, auch nicht von Einigkeit und Brüderlichkeit. Es wächst eben nicht zusammen, was man nur der Politik und Wirtschaft wegen zusammenfügt. Hierzu bedarf es mehr, ganz besonders der im Grundgesetz verankerten Gleichheit aller Menschen! Und bis zur Verwirklichung der Einheit Deutschlands wird es weiterhin unsichtbar ummauerte Seelen wie die meine sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland geben.
Doch wir verhalten uns still, zu still! Wieviel Leid können wir noch ertragen? Wie hoch ist der Einheit Unterpfand?
Anmerkung: Es gibt viele Dinge in unserem Leben, die uns auf dem Herzen liegen. Über manche Dinge spricht man, andere wiederum behält man lieber für sich, weil man der Meinung ist, dass diese sowieso keinen interessieren. Oder aber man traut sich nicht, über seine Probleme zu sprechen. Das Schreiben hingegen kann eine Form der Konfliktbewältigung sein.
Der obige Artikel soll zum Schreiben anregen. Äussern Sie Ihre Meinung oder bieten Sie Lösungsvorschläge an, wenn sie möchten! Vergessen Sie nicht, eine aussagekräftige Überschrift wie bsp. Midlife-Crisis, Familie, Beruf, Wirtschaft, Politik, Ost/West, Einheit etc. für Ihren Beitrag zu wählen!
Hinweis:Für den Inhalt dieser Presse-Information ist ausschließlich deren Emittent verantwortlich. Bei Fragen zum Release-Net wenden Sie sich bitte an buero@release-net.de.
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